Definition Fasten ÄGHE

Definition Fasten ÄGHE

 Definition des Fastens nach den Leitlinien der Ärztegesellschaft Heilfasten und Ernährung (ÄGHE)

 

Vorwort
Jahreszeitlich bedingte Schwankungen im Nahrungsangebot prägten in der Evolution den Stoffwechsel aller Lebewesen. Die Fähigkeit, sich diesen Schwankungen durch Depotbildung und deren Mobilisierung anzupassen, ist von jeher Bedingung
für das Überleben, insbesondere für das menschliche Überleben.
Fasten ist die Fähigkeit, für eine begrenzte Zeit den Bedarf an Makro- und Mikronährstoffen bei ausbleibender oder minimaler Nahrungsaufnahme über den Verdauungstrakt ohne gesundheitliche Nachteile aus körpereigenen Reserven zu decken. Hinzu kommen eine relative Bedarfsminderung sowie verschiedene Sparmechanismen (z. B. Umstellung des ZNS auf Fettverbrennung, Rückgang der Verdauungs- und Assimilationsvorgänge, die dieser äusseren Verknappung entgegensteuern: einerseits um den Zellstoffwechsel jederzeit ausreichend
mit Energie zu versorgen, andererseits um die Zellerneuerung aufrecht zu erhalten. Aus dieser biologischen Fähigkeit entwickelten sich Fastenkulturen mit religiös-spiritueller oder medizinisch therapeutischer Zielsetzung. Die Integration des Fastens
in die Medizin gelang bei uns über die Klassische Naturheilkunde, deren unverzichtbaren Bestandteil es heute darstellt. Als Fastenmethoden haben sich vor allem das Heilfasten nach Dr. med. Otto Buchinger (Buchinger, 1935) und die Therapie nach Dr. med. F.X. Mayr (Mayr, 1921) durchgesetzt. Otto Buchinger
entwickelte aus rudimentären Ansätzen ein multidisziplinäres Konzept für eine stationäre Fastentherapie, in der Physio-, Bewegungs- und Ernährungstherapie mit einem gesundheitspädagogischen Programm verbunden sind (Fahrner,
1991). Die Integration der Psychotherapie erfolgte später. Auch Aspekte der religiösen Fastentradition sind heute Bestandteil des therapeutischen Fastens: zu der physischen traten die psycho-soziale und die spirituelle Dimension hinzu.

Diese Leitlinien wurden von einem Expertengremium erstellt und werden von ihm gemeinsam getragen. Ihr Ziel ist die Beschreibung des Therapieverfahrens und die Feststellung von Standards zu Zwecken der ärztlichen Fort- und Weiterbildung,
der Orientierung bei qualitätssichernden Massnahmen in Klinik und Praxis sowie der weiteren wissenschaftlichen Erforschung der klinischen Effekte der Methode. Auch sollen sie einen Beitrag zur methodisch korrekten Durchführung des Fastens in den zahlreichen Einrichtungen leisten, die das Fasten zu präventiv-medizinisch und/oder religiös-spirituell motivierten Zielsetzungen anbieten.
Für das ärztlich betreute Fasten dienten bislang seit 1978 Angebote im Rahmen der Weiterbildung zur Erlangung der Zusatzbezeichnung Naturheilverfahren der Sicherung eines Wissensstandards. Hierbei ist auch die Fastenselbsterfahrung ein erwünschter Bestandteil. Seit 1996 können ÄrztInnen im Rahmen eines Curriculums zum Erwerb des Weiterbildungszertifikates «Fastenärztin/Fastenarzt» der Ärztegesellschaft Heilfasten und Ernährung e. V. eine ausgewiesene Qualifikation erwerben.

Im nicht-ärztlich betreuten Fasten werden seit 1986 von mehreren Einrichtungen FastenleiterInnen ausgebildet. Diese Ausbildung dient auch der Kooperation mit FastenärztInnen.


1.0 Definition des Fastens und verschiedener Formen des Fastens

Das Fasten ist der freiwillige Verzicht auf feste Nahrung und
Genussmittel für begrenzte Zeit. Bei richtig durchgeführtem
Fasten besteht gute Leistungsfähigkeit ohne Hungergefühl.
Fasten betrifft den Menschen in seiner Körper-Seele-Geist-
Einheit. Unverzichtbar dabei sind:
– eine ausreichende (mind. 2.5 l/Tag) kalorienfreie Flüssigkeitszufuhr
  (Mineralwasser, Tee) sowie natürliche Anteile in flüssiger Form wie Gemüsebrühe, 
  Obst- und Gemüsesäfte und Honig, max. 2.100 KJ (ca. 500 kcal)/Tag
– die Förderung der Ausscheidungsvorgänge über Darm, Leber, Nieren, Lungen, Haut
– das Einstellen eines Gleichgewichtes zwischen Bewegung und Ruhe
– sorgfältiger Kostaufbau und Hinführung zu einem gesünderen Lebensstil.

Der menschliche Organismus verfügt physiologischerweise über die Möglichkeit der «Ernährung von innen» aus eigenen Nahrungsreserven. Dabei treten Veränderungen im Stoffwechsel und in der Psyche auf, die in der methodisch korrekten
Durchführung des Fastens unbedingt beachtet werden müssen (Wilhelmi de Toledo, 1998). Aus dem Wasserfasten entwickelten sich verschiedene Varianten,
die oft grundsätzliche Unterschiede aufweisen – obwohl alle die partielle oder totale Unterbrechung der Nahrungszufuhr beschreiben. In der Umgangssprache werden sie
leider oft undifferenziert angewandt.

1.1 Heilfasten (nach Buchinger)
Es handelt sich dabei um einen Begriff, den der Arzt Dr. Otto
Buchinger (1878–1966) prägte. Damit verbindet er das ärztlich
betreute, stationäre multidisziplinäre Fasten (Wilhelmi de
Toledo et al., 1994), das die drei Dimensionen des Menschen
berücksichtigt (medizinisch, psychosozial, spirituell) und sich
sowohl für Prävention und Therapie als auch für das «Fasten
für Gesunde» (siehe Kapitel 5) anbietet. Traditionell wird das
Heilfasten durch die Gabe von Gemüsebrühe (1/4 l), Obstoder
Gemüsesäfte (1/4 l) und Honig (30 g) sowie reichlich
Tees und Wasser modifiziert (Buchinger & Lindner, 2000).
Die Gabe von Buttermilch (nach Dr. H. Fahrner) ermöglicht
längere Fastenzeiten (siehe Kapitel 4 Methodik). Beim Heilfasten
wird neben der körperlichen Dimension (medizinischtherapeutische
Wirkungen), eine psychosoziale Dimension
(psychische Veränderungen und Gruppendynamik, die entsteht,
wenn Menschen zusammen fasten) und eine spirituelle
Dimension (natürlicher Zugang zu höheren Bewusstseinszuständen,
die in allen grossen Weltreligionen besonders thematisiert
werden) angesprochen (Kuhn, 1999). Diese drei Dimensionen,
die synergetisch wirken, sollten nicht dissoziiert
werden. Otto Buchinger betonte ferner die Bedeutung der
«Diätetik der Seele» im Fasten wie das Lesen, die Musik, die
Bildkunstbetrachtung, die Natur, den Humor und die Meditation
(Buchinger, 1947).

1.2 Fasten für Gesunde
Der Begriff bezeichnet ein Kurzfasten, das auch durch ausgebildete
FastenleiterInnen («NichtärztInnen») betreut werden kann (Lützner 2001).
Die ÄGHE empfiehlt, dass eine ÄrztIn mit Fastenerfahrung im Hintergrund
zur Aufnahme und Supervision zur Verfügung steht (siehe Kapitel 5 Fasten für
Gesunde).

1.3 Verschiedene Fastenformen (Klassifikation)
A) nach Gesundheitszustand
– Therapeutisches Fasten (auch Fastentherapie genannt)
– Präventives Fasten
– Fasten für Gesunde (ohne primäre medizinische Intention)
B) nach Art der Betreuung (siehe auch Kapitel 4.4 Strukturqualität)
– I stationär ärztlich geleitet: Kliniken
– II ambulant ärztlich geleitet: niedergelassene ÄrztInnen
– III nicht-ärztlich geleitet: FastenleiterInnen

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